Geschichten

Wasser

„Stille Wasser sind tief“ pflegte Oma zu sagen. Dabei hatte sie nicht immer den gleichen Gesichtsausdruck.

Manchmal zogen sich ihre buschigen Augenbrauen zusammen, so sehr, dass man meinte, sie hätte nur eine Braue. Das Braun ihrer Augen wurde dann noch dunkler. Ihre Lippen schmal aufeinander gepresst.

Ein anderes Mal riss sie die Augen auf, machte sie ganz groß. Die Pupillen, das Braun verlor seine Farbkraft. Es war einfach nur ein Braunton. Die Augenbrauen bogen sich nach oben, wie ein Tor. Dann wurde auch der Mund stärker einbezogen. Ihre Lippen formten ein kleines O. Nicht ganz rund, eher oval. Im Laufe der Jahre war das Rot der Lippen verblasst. Es war ein leichtes Rosa.

Es konnte aber auch geschehen, dass ihr Gesichtsausdruck einfach nur normal blieb.

Die grau-schwarz-melierten Augenbrauen blieben an ihrem angewachsenen Platz. Rahmten das jeweilige Auge im oberen Bereich ein. In der Mitte blieb ein angemessener Platz frei, der regelmäßig akkurat freigezupft wurde. Da war Oma ganz pingelig. Das Braun der Augen hatte seine Leuchtkraft, die rosageformten Lippen lagen weich aufeinander, berührten sich ganz sanft.

Wenn heute irgendwo dieser Satz zu hören oder zu lesen ist, dann gibt es diese Erinnerungen an die Gesichter von Oma.

© Bettina Dennison-Wlodek

Homepage

Meine Homepage sollte erstellt werden. Alles kein Problem, bis auf die Texte. Eigentlich war die Seite schon fertig; in meinem Kopf, wenn da nicht die Erstellung der Texte gewesen wären.

Als mein Kumpel Reinhard mich anrief und fragte, wie weit ich mit meiner Homepage wär, lachte ich und machte ein paar Späße. Er ließ jedoch nicht locker, fragte weiter. Wieder machte ich ein paar Versuche, dieses Thema abzuwimmeln. Ich hätte es besser wissen müssen. Reinhard lässt sich nicht so einfach abwimmeln. Beharrlich fragte er weiter. Wollte es genau wissen. Seine sonore Stimme klang in meinem Ohr, beruhigte mein aufgeregtes Gehirn.

Man merkte ihm an, dass er seine Lebenserfahrung hat. Er war wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni gewesen. Musste die Studenten führen und motivieren.

Ich spürte seine Erfahrung im Umgang mit Menschen. Langsam öffnete ich mich und traute mich zuzugeben, dass ich die Texte nicht schreiben konnte. Wusste nicht, wie ich mein Wissen in Worte und dann auch noch in zusammenhängende Sätze packen sollte. Obendrein sollte es auch noch für außenstehende Menschen verständlich sein.

Kein hochmütiges Lachen, kein cooler Spruch, keine Veralberung kamen von ihm.

Er bot mir seine Hilfe an. Bot mir an, meinen geschriebenen Text zu überlesen und dann entsprechende Textvorschläge bzw. Textkorrekturen in einer anderen Schriftfarbe vorzunehmen, so dass gut erkennbar blieb, was ist meins, was ist seins. Ob und was ich von seinen Vorschlägen übernehmen würde, blieb meine Entscheidung.

Ich sträubte mich. Das kannte ich nur zu gut. Dann musste ich diese Vorschläge annehmen, ob ich wollte oder nicht, ansonsten wäre der andere beleidigt.

Ganz ruhig forderte er mich auf, mich auf dieses Experiment einzulassen. Während unseres Telefonates keine Wertung von seiner Seite, ich fühle mich angenommen, gesehen und respektiert von ihm.

Als ich am nächsten Tag meine Texte per Mail von ihm zurück erhielt, war es genauso. Er hatte Wort gehalten. Ich konnte frei wählen, was ich von ihm annehmen bzw. übernehmen wollte und was nicht.

Dies war eine außergewöhnliche Erfahrung für mich und dankbar gab ich diese weiter, auch heute noch.

© Bettina Dennison-Wlodek

Mein großer Wunsch

Was für eine Musik, sie geht mir durch Mark und Bein. Das letzte Mal, das ich klassische Musik hörte, live, war schon eine lange Zeit her.

Es war an einem Winternachmittag. Wir, Peter und ich, saßen bei einer Tasse Kaffee zusammen und schwelgten in alten Kinder- und Jugenderinnerungen. Er  in seinen und ich in meinen. Jeder erzählte dem anderen kleine Episoden daraus.

Plötzliche kam mir in Erinnerung, dass, seid dem ich 26 Jahre alte bin, es mein großer Wunsch ist, einen Abend in einer Piano-Bar zu verbringen. Dem Pianisten ganz nahe sein, ihm beim Spielen zu beobachten, die Körperhaltung, die Mimik, die Gestik, seine Hände, die Energie spüren. Ich sitze dabei bequem in einem Sessel, habe ein Glas Wein oder Prosecco in der Hand, ab und zu stecke ich mir eine Olive zwischen die Zähne und kaue genüsslich. Mein Kleid ist nicht elegant aber schon besonders.

Ich spürte diesen Wunsch plötzlich wieder ganz stark. Einem Impuls folgend, öffnete ich den Laptop und googelte „Piano-Bar“. Tja, es gab schon einige, aber nicht in der Nähe. Sie hatten auch weder jetzt noch heute geöffnet. Die Suche ging weiter. Immer wieder tauchte die Kleinkunstbühne WAT auf. Sie wurde fast schon aufdringlich.

Gut, dachte ich, dann schaue ich mal genauer hin. Mein Herz machte einen Hüpfer. Heute Abend, also in drei Stunden, gab es dort einen Klavierabend mit den Stücken von….ach egal, kannte ich mich doch damit gar nicht aus, aber das war es.

Die gemütliche Kaffeerunde war vorbei, mein Mann fast schon ein wenig überfordert. Es ging alles relativ schnell. Ich telefonierte vorab bei der Kleinkunstbühne  und informierte mich über Platzreservierung, Einlass und Dauer des Konzertes.

Schnell geduscht und frisiert. Die Kleidung war leger. Eine Stunde vorher mussten wir an der Kasse sein, da es keine Platzreservierungen gab. Ich wollte ganz vorne sitzen, am besten in der ersten Reihe.

Mit meiner Hibbeligkeit, meiner Vorfreude, verwirrte ich Mann, Kind und Hund.

Dann war es endlich soweit, durchgestylt gingen wir die Straße 15 Minuten gerade aus und waren am Ort der Verwirklichung meines Traumes angekommen.

Ich saß in der ersten Reihe, auf einem einfachen Holzstuhl, in meiner Hand ein Glas Mineralwasser, aber egal.

Als die große Beleuchtung ausgeschaltet wurde, gab es nur noch Kerzenschein , von einigen Kerzen in der Nähe des Klaviers.  Der Klavierspieler betrat die Bühne, setzte sich auf den Klavierstuhl, konzentrierte sich und griff in die Tasten….

Was für eine Musik, sie ging mir durch Mark und Bein. Das letzte Mal, das ich klassische Musik hörte, live, war schon eine lange Zeit her.

© Bettina Dennison-Wlodek

Sommerabend

Langsam wurde es ruhig in der Siedlung. Der Tag neigte sich dem Ende. Das Geschrei der spielenden Kinder war verstummt. Die Planschbecken standen verweist auf den Wiesen, bereit für den nächsten Tag, damit die Kinder wieder ihren Spaß haben können und natürlich auch, um die Hitze besser zu ertragen.

Ein paar kleine Wasserpfützen waren noch zu sehen. Diese wurden von den Vögeln als Tränke genutzt. Ein kurzes Bad, schnell, bevor auch das letzte Wasser vom Boden aufgesogen würde. Auch er war durstig nach der Hitze des Tages.

Die ersten Bewohner hatten ihren Grill schon in Betrieb. Das Zischen der Bierflaschen beim Öffnen hallte durch die Gärten. Feierabend. Die Stimmen gedämpft.

Aus weiter Ferne konnte ich nun wieder den Zug hören, der alle 30 Minuten vorbeifuhr.

Ich saß in meinem Garten, meine nackten Füße berührten den noch warmen Steinboden der Terrasse, ein leichter Wind kam auf. Meine Gedanken zogen mit dem nächsten Zug davon.

© Bettina Dennison-Wlodek

Winterabend

Draußen war es kalt. Die ersten Schneeflocken fielen leise auf die Gehwege, auf die Bäume, auf die Dächer der umstehenden Häuser. Ganz langsam kam die Dunkelheit dazu.

Ich zündete die ersten Kerzen des Jahres an. Langsam breitete sich der Lichtschein im Raum aus. Es fühlte sich gemütlich an. Im Kamin loderte schon das Feuer seid heute Morgen. Gegen Mittag hatte ich die Auflaufform mit den Bratäpfeln auf den Sims gesellt. Auch dieser Duft bahne sich nun seinen Weg durch das Zimmer.

Ich bekam eine Gänsehaut vor lauter Glück und Zufriedenheit.

Draußen war es jetzt ganz still geworden. Der Schneefall stärker, die Dunkelheit vollkommen.

Ich saß in meinem Stuhl, mit einem Glas Wein in der Hand, einen Teller mit Bratapfel auf den Knien und genoss Stille und Wärme.

© Bettina Dennison-Wlodek

Die Näherfahrung

Nach der Geburt ihres zweiten Kindes passte ihr keine Kleidung mehr. Von Konfektionsgröße 46, in den letzten Tagen vor der Geburt, war sie nun bei 34 angelangt.

Es war aber auch anstrengend und kräftezehrend zwei Kleinkinder zu versorgen. Der eine war 13 Monate, der andere 5 Wochen.

Irgendwie sah es auch nicht danach aus, als ob sie in kürzerer Zeit wieder in ihre normale Garderobe, der Kleidergröße 40 passen würde. Selbst die Umstandsmode, die mit den verstellbaren Taillenbund, saß nicht. Alles schlabberte an ihrem Körper, sie fühlte sich nicht angezogen. Das Material berührte an manchen Stellen nicht mal ihre Haut. Außerdem war es Januar und sehr kalt.

In einer ruhigen Minute, ab und zu gab es sie, fiel ihr ein, dass ihre Tante eine Hobbyschneiderin war. Sie schneiderte sich selbst ganz tolle Hosen, Blusen und Jacken. Vielleicht könnte ihre Tante helfen. Zwei oder drei Pluderhosen selber nähen, das wäre doch etwas. Enthusiastisch griff sie zum Telefon und rief sie an. Die bekannte Stimme hatte etwas Hoffnungsvolles.

Schnell war ein Treffen ausgemacht. Bei der Tante natürlich, denn sie hatte die Nähmaschine und alles was benötigt wurde.

Eine Aufgabe bekam sie aber noch. Den Stoff, musste sie sich selber und alleine kaufen. Die Tante empfahl ein Fachgeschäft, dort würde ihr geholfen.

An dem Tag, als die erste Hose geschneidert werden sollte, kam schnell die Ernüchterung. Zuerst musste der Schnittbogen erstellt werden. Den gab es grob schon als Vorlage. Jedoch musste dieser mit der Schere für ihre Größe verkleinert werden. Das war gar nicht so einfach, brauchte seine Zeit. Der nächste Schritt war, den Stoff ausbreiten und den Schnittbogen darauf verteilen, mit Stecknadeln befestigen und wieder ausschneiden.

Jetzt stellte sich heraus, dass sie kein räumliches Sehen hatte und die Tante sehr, sehr genau arbeitete. Was für eine Überraschung, so kannte sie die Tante gar nicht.

Die Stecknadeln in den Stoff festzusetzen, mit dem Schnittbogen, war gar nicht so einfach. Immer wieder versuchten die Stecknadeln die Haut der Finger mit einzubeziehen. Das schmerzte sehr. Ab und zu stach sie sich so tief, dass Blut auf den Stoff tropfte. Schnell steckte sie den betroffenen Finger in den Mund und schmeckte ihr eigenes Blut. Es ist gar nicht so süß wie alle sagen, schoss es ihr durch den Kopf. Es dauerte nicht lange und acht der zehn Finger hatten ein Pflaster. Jetzt wurde das Arbeiten immer schwerer. Die Feinmotorik war dahin.

Nach drei Stunden harter Arbeit konnte nun gereiht werden. Mit Reihgarn wurden die ausgeschnittenen Stoffteile auf links aneinander genäht. Gut gereiht ist das halbe Nähen, pflegte ihre Tante immer mal wieder zu sagen.

Nach vier Stunden war alle Freude, aller Enthusiasmus verflogen. Sie wollte doch nur eine passende einfache Hose haben.

Ihrer Tante war ihre Enttäuschung nicht entgangen. Sie fühlte mit ihrer Nichte. Liebevoll nahm sie sie in den Arm. Sie vereinbarten, dass die Tante die Hosen nähte und sie nach Hause, zu den Kindern, fuhr.

© Bettina Dennison-Wlodek